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Die Tiere werden Silvester genießen (SZ-Streiflicht)

Ein Artikel der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 15.12.2020 http://sz.de/1.5147246 Titelseite, 15.12.2020 Glosse Das Streiflicht =============== (SZ) Hat man nicht jahrzehntelang gekämpft und muss man nicht sagen: vergeblich? Waren die Mahnungen nicht teilweise in festliche moralische Gewänder gekleidet, wenn es hieß: Brot statt Böller? Oder sogar Böll statt Böller, sofern es galt, sowohl das lesefaule Publikum gegen Jahresende wieder zu den modernen Klassikern zu führen als auch den ethischen Lehrreichtum des Bücherlesens herauszustellen. Jetzt sind all die Bitten, ist all das Flehen und Beschwören, sind das Gutzureden und die sanfte Einflüsterei nicht mehr vonnöten. Das Corona-Virus wünscht keine Ballerei am Silvesterabend, und damit hat sich's. Sollen all jene, die am Silvesterabend immer schon lieber in Ruhe Heinrich Böll lesen wollten, nun dem Corona-Virus dankend die Hand geben? Natürlich nicht. Händeschütteln ist verboten und das Virus nun wirklich nicht der Typ, dem wir in diesem Jahr Dankbarkeit zollen müssen. Der Silvesterabend, sagen wir zeitgemäßer: das Silvestergeschehen erfährt ja, wenn man ehrlich ist, keine Qualitätseinbuße, bloß weil in seinem späteren Verlauf kein Geknatter, Gedonner und Gequalme zu erwarten ist wie bei einem Kriegsgeschehen. Böse Geister zu vertreiben ist auch sinnlos, das haben wir das ganze Jahr schon an einem Geist namens Corona vergeblich versucht. Und es wird doch wohl niemand so dumm-kühn sein, das neue Jahr allen Ernstes mit Feuerwerk und Verve zu begrüßen. Jeder, der nicht nur Knallfrösche im Schädel hat, weiß ja, dass er seinen Chinakracher in den ödesten Lockdown schmeißen würde. Das kommende Jahr wird, zumindest am Anfang, genau so scheußlich wie das zu verabschiedende sein. Aus der Perspektive eines Hundes, einer Katze oder einer Terrariumschlange wird das kommende Jahr so aussehen wie alle anderen zurückliegenden Jahre auch. Die Katze trug auch 2020 keine Maske, der Hund hielt keinen Abstand zu anderen Hunden und der Terrariumschlange waren die Scherereien der Supermarktschlange fremd oder gar nicht bekannt. Was die Tiere aber sehr wohl bemerken und als glückliche Rundung dieses Allerweltjahres rückwirkend verbuchen werden: Es gab keine Knallerei. Sie mussten sich endlich einmal nicht unter das Sofa oder in den Kleiderschrank verkriechen oder in heller Panik das Haus verlassen. Dieser Jahreswechsel wird das Silvester der Haustiere sein. Der Hund wird sein Hundeherz auch nach Mitternacht schlagen hören und die Katze von ihren sieben Leben keines an die Angst verschwenden müssen. Die Pferde werden in den Ställen stehen, dumm und brav wie eh und je, keine Leuchtrakete wird sie in Panik versetzen, und der Graupapagei wird davon absehen, zu Neujahr Schrapnellgeräusche zu imitieren. Wäre der Mensch klug, würde er sich mit den Tieren freuen. Aber der Mensch ist nicht klug. Er hat einen Knall, mit und ohne Böller.

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