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Ein Verbot, das ankommt.

Aktualisiert: Jan 11

Ein Artikel der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 02.01.2020

http://sz.de/1.4741810

München und Region, 02.01.2020 

Silvesterfeier 

Ein Verbot, das ankommt  ======================= 

Von Stephan Handel 

Das alte Jahr hat noch eine gute Stunde, und Alena schläft. Das ist nun vielleicht nichts Besonderes für ein Mädchen im Kindergartenalter - bemerkenswert allerdings ist, dass Alena im Kinderwagen schläft, und den schieben ihre Eltern gerade über den Marienplatz. 23 Uhr an Silvester an Münchens zentralem Platz, und es ist so ruhig, dass ein Kind schlafen kann. 

Keine Rakete, kein Kanonenschlag, kein Chinaböller: Es ist fast still unterm Rathaus, die roten Kerzen auf den Tischen vor Wildmosers Wirtshaus erinnern beinahe an Grablaternen. Es ist aber keine bedrückende Stille, eher eine der freudigen Erwartung, der Spannung, die schon leicht knistert, nun, da niemand weiß, was kommen wird, heute und überhaupt. Polizisten stehen herum und versuchen, ordnungshütend dreinzuschauen - aber viel haben sie noch nicht zu tun. Ihr Präsidium hat die Zahl der diensttuenden Beamten für die Silvesternacht von den bisher üblichen rund 1000 noch einmal um 300 erhöht, allerdings nicht wegen des Böllerverbots, sondern wegen der allgemeinen Gefahrenlage - so heißt das auf Polizeiisch, wenn eine ganze Stadt entschlossen ist zu feiern und zu einem beträchtlichen Anteil wohl auch: sich zu betrinken. 

Aber eben nicht mehr zu schießen, wenigstens nicht in der Fußgängerzone und am Viktualienmarkt: dort ist komplett entmilitarisierte Zone, während innerhalb des Mittleren Rings zwar Raketen erlaubt sind, nicht aber Böller. Im restlichen Stadtgebiet hingegen darf weiterhin nach Belieben geknallt werden, als gäbe es tatsächlich böse Geister, die vergrault werden müssen. 

Damit auch niemand sagen kann, er habe von nichts gewusst, steht vor dem Rathaus ein Polizeiwagen mit einer Leuchtschrift, die auf das Verbot hinweist. Wer allerdings erst dadurch von der innerstädtischen Abrüstung erfährt, der hat Pech gehabt: Dem nehmen die Polizisten das Schießzeug ab und versenken es in Mülltonnen, die zu einem Drittel mit Wasser gefüllt sind, so dass das Schwarzpulver bestimmt nass und unbrauchbar wird. Größere Proteste dagegen gibt es offenbar nicht. 

Die Beamten belassen es in den meisten Fällen bei der Wegnahme und bei einer Belehrung - am Ende gibt es im gesamten Sperrgebiet nur fünf Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten, vier in der Fußgängerzone, eine am Viktualienmarkt. Das waren Fälle, in denen die Freizeit-Pyromanen das verbotene Zeug nicht nur mittrugen, sondern auch zur Explosion brachten. 

Mischa sagt, er findet's schade, dass nicht gefeuerwerkt werden darf: "Gehört doch irgendwie dazu." Mischa ist mit seiner Frau Irina und dem achtjährigen Sohn aus St. Gallen nach München gekommen, und damit wenigstens ein bisschen Silvester-Feuerzauber aufkommt, haben sie halt Wunderkerzen mitgebracht. Überhaupt scheinen die Münchner am Marienplatz eher in der Unterzahl zu sein - Italienisch, Englisch, Spanisch ist zu hören, jedoch so gut wie kein Deutsch. 

Vor dem Kaufhof schält sich gerade eine Gruppe Asiaten aus ihren Anoraks und stellt sich zum Foto auf, denn sie haben Kostüme an: Ein Zebra, mehrere Eisbären sowie zwei Supermänner posieren mit dem Rathaus-Christbaum im Hintergrund - gerade noch rechtzeitig, langsam wird es voll. Die Polizei wird später 10 000 Menschen auf dem Marienplatz melden, und noch einmal so viele in der Fußgängerzone, deutlich mehr als im vergangenen Jahr. 

Neben der Besucherzahl steigt nun, zehn Minuten vor Mitternacht, auch die Stimmung. Eine Gruppe Italiener singt Lieder aus dem Fußballstadien-Repertoire, während zwei Burschen von Polizisten zur Leerung ihrer Taschen aufgefordert werden. Was aussieht wie eine Drogenkontrolle ist dann aber doch nur Böllerverbot: ein ansehnliches - und gewiss nicht billiges - Arsenal an Chinakrachern landet in der Wassertonne. 

Dann beginnt der Countdown auf Mitternacht. Und während ringsrum, außerhalb der Fußgängerzone silberne, rote, grüne Lichter am Himmel funkeln, gibt's am Marienplatz nur einen kollektiven Aufschrei, dann Prost und Knutscherei. Allerdings: Kaum ist das erledigt, rennt ein großer Teil der Menge doch zum Promenade- und Odeonsplatz, Feuerwerk gucken. 

Die Polizei ist am Morgen danach zufrieden mit ihrem Einsatz im Jahr eins des Böllerverbots - sie verzeichnet erstaunlicherweise sogar einen eklatanten Rückgang bei Streitereien und Randale, nur 32 Mal wurden die Beamten deswegen gerufen, nach 112 Vorfällen im vergangenen Jahr. Auch die Körperverletzungen gingen um mehr als die Hälfte zurück. Ob das mit der neuen Regelung zu tun hat, lässt sich natürlich nicht sagen. Und auf dem Nachhauseweg hängt spätestens vom Stachus an eine Feinstaub-Wolke über der Stadt, als wär's die Kanonade von Valmy. 

 

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