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Leserbrief an die SZ

Sehr geehrte Frau Kutsche, sehr geehrter Herr Müller-Arnold, die ganze Nation stöhnt unter der Corona-Krise und in diesem Umfeld bläst eine Branche mit einer 28-seitigen Broschüre zum Großangriff. Da muss der Druck schon groß sein. Wir sind eine Münchner Bürgerinitiative, die seit nunmehr vier Jahren die privaten Silvesterfeuerwerke abschaffen will. Unsere Prognose: Silvester 2022 ist München "böllerfrei" – flächendeckend. Unsere letzte Aktion war ein offener Brief an den Dieter Reiter. Er liegt z.Zt. in der Verwaltung (wir lassen ihn Ihnen zusammen mit unserem letzten Newsletter zukommen). Aktuell werben wir mit einer Flyer Aktion für einen freiwilligen Verzicht.

Warum sind wir so optimistisch? Ganz einfach – wir kennen die Münchner*innen, weil wir sie auf allen Bürgerversammlungen gefragt haben, ob sie die privaten Silvesterfeuerwerke noch wollen. 26 mal haben sie für „abschaffen" votiert, einmal bekamen wir keine Redeerlaubnis und zweimal wurde unser Antrag knapp abgelehnt. Es war eine Ochsentour über ein Jahr, aber es hat sich gelohnt. Ihre Zeitung hat übrigens immer sehr ausführlich darüber berichtet. Ein paar Anmerkungen zu ihrem Artikel, der aus unserer Sicht schon sehr stark die pyrotechnische Industrie zu Wort kommen lässt, sich aber trotzdem um Ausgewogenheit bemüht.

Dass die staatliche Überbrückungshilfe viele der Unternehmen möglicherweise nicht retten kann, liegt nicht nur, aber auch daran, dass die Nachfrage auch ohne Corona zurückgeht. Dies stellt der Verband schon für 2019 fest. Die Menschen haben erkannt, mit was für einem (zugegeben: schönen!) Anachronismus der Umwelt, insbesondere unseren tierischen Mitgeschöpfen, Leid angetan wird. Wenn der Staat nun viel Geld in die Hand nimmt, um eine in großen Teilen nicht überlebensfähige, weil überholte, Industrie am Leben zu erhalten, dann wäre das schade. Zumal wir 2022 möglicherweise immer noch eine pandemische Situation haben werden. Leider ist das Totschlagsargument „Arbeitsplätze“ eines, das noch zu oft verfängt.

Nein, es geht nicht um Feuerwerk generell. Wenn es zu besonderen Ereignissen dann und wann ein großes, für viele Menschen zugängliches Feuerwerk aus fachkundiger Hand gibt, so spricht wenig dagegen - auch wenn man es inzwischen durch wunderbare Lasershows ersetzen kann. Uns geht es um das Silvesterfeuerwerk, denn hier wird über Tage (!) Stress für Tier und Mensch und Dreck auf dem Land, in der Luft und im Wasser gemacht wird. Zum Ergötzen einer Minderheit - denn ist gibt inzwischen zahlreiche, nicht von der pyrotechnischen Industrie in Auftrag gegebene Umfragen, die eine klare Mehrheit in der Bevölkerung für ein Verbot sehen. Unsere basisdemokratische Erfahrung (siehe oben) macht das überdeutlich.

Lokale Verbote gibt es, aber diese sind nur stark eingeschränkt möglich. Genau aus diesem Grund muss das Sprengstoffgesetz geändert werden, damit Ländern und Gemeinden außerhalb von Pandemiezeiten nicht die Hände gebunden sind.

Dass die Probleme „im übermäßigen Alkoholgenuss und illegalen Feuerwerksprodukten“ liegen ist nicht richtig. Wie viel illegales Feuerwerk es gibt weiß niemand. Und Alkohol wird nun mal an Silvester getrunken; der Staat kann nun mal nicht vorschreiben, dass Feuerwerk nur von Nüchternen gezündet wird. Außerdem gibt es keinerlei belastbare Nachweise für Unfälle mit und ohne Alkohol. Jede verkrüppelte Hand, jedes fehlende Auge war ein Unfall zu viel.

Die Menschen würden sich dann illegal im Ausland Feuerwerk besorgen? Nun, dann ist es illegal, es zu importieren und hier zu zünden - so wie es illegal ist, jemanden zu bestehlen oder niederzuschlagen. Was ist das für eine merkwürdige Argumentation? Genau so abwegig wie die Forderung des Vereins der Feuerwerker, das Feuerwerk generell zum Kulturgut erklären lassen zu wollen. Und auch die geräuscharmen Raketen sind lediglich ein Feigenblatt für diejenigen, die verkaufen oder zündeln wollen - der Böller gehört dort einfach dazu. Denjenigen, der an Silvester genau eine (!) Rakete in den Himmel schickt, den muss man wohl eher mit der Lupe suchen.

Wer noch damit argumentiert, man müsse doch im eigenen Garten sein Feuerwerk abbrennen dürfen, will nicht verstehen, was für fatale Nebenwirkungen Feuerwerk auf unsere Mitgeschöpfe (gerade auch auf dem Land) und auf die vielen Menschen hat, die z.B. extrem unter der Luftverschmutzung (Stichwort Asthma) und dem Lärm leiden. Die an Silvester emittierte Feinstaubmenge entspricht dem Feinstaub des gesamten Verkehrs in Deutschland im Zeitraum von mehr als 1,5 Monaten. Diese Zahl möge sich mal jeder ganz bewusst vor Augen halten, wenn es um das kurzzeitige „Vergnügen“ an Silvester geht.


Wir würden uns freuen, wenn sie unsere Anliegen ebenfalls noch vor Silvester darstellen würden. Wie wäre es mit einem Pro und Kontra, wie es die SZ am 29.12.2018 gemacht hat? Ein „Kontra" à la Claudia Fromme würde uns schon reichen.


Mit freundlichen Grüßen



Alexander v. Dercks Jürgen Schmoll

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