• ad

Von Knall zu Knall - Debatte um Silvester-Feuerwerk

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Panorama, 21.11.2020 Von Knall zu Knall ================== Von Martin Zips Wurde gerade noch über die Ein-Freund-Regel und die Zwei-Platz-Regel im Zug diskutiert, sowie über die gleich vier geplanten weihnachtlichen Christmetten im Kölner Dom, so geht es nun ans Eingemachte: Silvester! Droht auf der Ministerpräsidentenkonferenz Mitte kommender Woche tatsächlich der Kugelbomben- und Leuchtsternbukett-Lockdown? Geschenkt, dass Sankt Martin im Jahr 2020 allein auf Youtube reitend zu sehen war und höchstwahrscheinlich auch Sankt Nikolaus nur mit Abstand am 6. Dezember vorbeischauen wird. Aber dass am 31. Dezember, wie seit Jahrhunderten von China bis Italien, vielleicht mal nicht alle bösen Geister mit Krach und Feinstaub vertrieben werden dürfen? Das gäbe 2020 doch den Rest, nicht wahr? 30 Minuten Ballerei, für den Menschen ist das eine herrlich befreiende Ablenkung. Denn: "Während ein Feuerwerk abgebrannt wird, sieht niemand nach dem gestirnten Himmel", schrieb einst Marie von Ebner-Eschenbach. Gerd Landsberg wiederum, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, lehnt ein generelles Böllerverbot ab. Bei ihm klingt es etwas prosaischer: "Die Leute haben doch Frust ohne Ende. Alles wird verboten, nirgends kann man hin", zitiert ihn die Deutsche Presse-Agentur. Also doch um Punkt zwölf mal kurz runter auf die Straße und ein bisschen was in den Himmel schießen? Zum gemeinschaftlichen Frustabbau? Wäre 2020 ein Miet-Laser eine beschwingte Alternative? ------------------------------------------------------ Auch Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann warnte nun, man dürfe die Pandemie nicht als Vorwand nehmen, "um all die Dinge zu verbieten, die einem schon immer nicht gefallen haben". SUVs zum Beispiel? Wattestäbchen? Rotwein? Tabak? Auch die sehr bösen Songs von Randy Newman? Also doch ein bisschen Rumgeballer zu Wiener Walzer und Feuerwerksmusik in der Neujahrsnacht? Andere verweisen auf das Feuerwerksverbot in den Niederlanden und können sich - wie zum Beispiel NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) - so etwas durchaus auch für ganz Deutschland vorstellen. In Australien sind private Raketen und Böller schon länger verboten, in immer mehr europäischen Städten ebenfalls. Zwischen Nordsee und Alpen galt hierzulande bisher: Keine Silvesterknallerei neben Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie Reet- und Fachwerkhäusern. Ist ja auch mal eine Ansage. Und in vielen Innenstädten oder Naturschutzgebieten gab es zuletzt sogenannte "Bannzonen", um diese nicht zu "Gefahrenzonen" werden zu lassen. Wäre zu Silvester 2020 vielleicht ein aus dem Fenster gehaltener Miet-Laser eine beschwingte Alternative? Als Unterstützung der von der Pandemie ebenfalls existentiell bedrohten Event-Branche? Oder sind Miet-Laser ein extravaganter, saturierter Schmarrn? Es stimmt ja: Jetzt haben wir schon die Maskenpflicht und die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio überstanden. Da werden wir doch auch noch ein etwas einsameres Weihnachten und ein etwas weniger barockes Silvester hinbekommen. Schon aus Rücksicht auf das Krankenhauspersonal, das sich sonst auch noch um die erhöhten Indizes von Betrunkenen und Teilamputierten in der Notaufnahme kümmern muss. Durchaus möglich also, dass die Ministerpräsidentenkonferenz Mitte kommender Woche ein bundesweites Silvesterknaller-Verbot beschließt. Die Kanzlerin, so heißt es, erwarte von den Ländern Vorschläge zur weiteren Bekämpfung der Pandemie "bis Januar". Der Erwerb von Leuchtvulkanen bei Aldi dürfte damit eher nicht gemeint sein. Nur das Volk. Es murrt. Zumindest teilweise ------------------------------------------- Doch schon fleht der Stuttgarter Landestourismusminister Guido Wolf (CDU): "Lassen wir den Menschen, sofern irgendwie möglich, doch auch noch Freude und liebgewonnene Traditionen." Vor einer Pyro-Firma in Eitorf bei Bonn hatten in den vergangenen Jahren Feuerwerksfreunde bis zu zwölf Stunden Wartezeit in Kauf genommen, um beim Werksverkauf billiger an ihre Lieblingsheuler, Leuchtfontänen und Sonnenkreisel zu kommen. Bis zur Sitzung am 25. November jedenfalls ist noch ausgiebig Zeit, wirklich alle Argumente auszutauschen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) etwa übertrug das Problem schlicht an die Polizei, als er in München meinte: In Zeiten eines allgemeinen Versammlungsverbots sei es am Ende doch völlig egal, ob man "mit drei Flaschen Schampus" oder einem Silvesterkracher verbotenerweise erwischt wird. Aber auch bei der Polizei ist man sich alles andere als einig: Während die Gewerkschaft der Polizei (GdP) weiter darauf verweist, dass Verbote nur dann Sinn ergeben, wenn man sie auch kontrollieren kann, befürwortet man bei der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) eine generelle, landesweite Absage der Silvester-Ballerei. Die Frage ist ja: Könnte es für ein Volk, das sogar den Verzicht auf sein geliebtes Oktoberfest irgendwie hinbekommen hat, am Ende nicht doch möglich sein, auf den letzten gemeinsamen Schritten zur Impfung auch mal das Feuerzeug stecken zu lassen? Wo man ja weiß, dass das Virus auf Feinstaubpartikeln besonders gerne in die nächste Nase surft? Die Deutsche Umwelthilfe jedenfalls fordert nicht ganz zu Unrecht schon jetzt ein Komplettverkaufsverbot, etwa für Bodenfeuerwirbel und Knallsternraketen. Und auch der überaus talkshowerfahrene SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach möchte erst 2021 wieder anstoßen. Auf das Ende der Pandemie natürlich. Nur das Volk. Es murrt. Zumindest teilweise. Sie ist eben nicht zu unterschätzen, die Sehnsucht der Menschen nach leuchtendem Magnesium und krachendem Schwarzpulver. Gerade in der dunklen Zeit. Auch die Pyro-Branche wird das hinbekommen ------------------------------------------ Die Pyro-Branche mit ihren geschätzten 130 Millionen Euro Jahresumsatz allein in Deutschland jedenfalls schreit recht laut auf. Zuletzt sah man hier Umweltschützer und Lärmforscher aus guten Gründen (Klima und so) gegen sich. Ohne Erfolg. Irgendwie ironisch, dass nun Virologen und Politiker, wenn auch aus anderen Gründen, doch noch jenen Tag bedrohen, "an dem wir 90 Prozent unseres Jahresumsatzes machen" (Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der pyrotechnischen Industrie). Und doch: Auch die Pyro-Branche wird das hinbekommen. Und wir, wir werden uns bis zum Frühjahr riesige Vorräte an Ohropax zulegen. Für die Zeit nach Corona nämlich. Denn da darf endlich wieder gefeiert, gejubelt und (wenn's denn sein muss) auch sehr laut geballert werden. Auf ein Neues, 2021! Martin Zips =========== Seit 1993 für die Süddeutsche Zeitung vielfältig unterwegs. Lernt viel und gern und von jedem immer was dazu.


5 Ansichten
 

©2019 by Silvesterböllerei? Nein Danke!