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Wie das Böllerverbot die Feuerwerksbranche trifft (Unsere Meinung: Anachronismen müssen sterben)

SZ, 14.12.2021

Von Katharina Kutsche und Benedikt Müller-Arnold


Wer das Unternehmen Weco zu dieser Jahreszeit besucht, der erlebt normalerweise den großen Ausverkauf, im besten Sinne: Die Firma aus Eitorf, einem Städtchen zwischen Bonn und Siegen, importiert das Jahr über Knallkörper aus Asien und stellt hierzulande Raketen her. Die Kunst besteht darin, dem Schwarzpulver etwa Karbonate oder Nitrate hinzuzufügen - je nachdem, welche Farbe letztlich leuchten soll.


Das Böllern an Silvester bringt Weco in gewöhnlichen Jahren gut 90 Prozent der Umsätze ein. Der Rest entfällt beispielsweise auf Großfeuerwerke. Doch die normalen Jahre sind für das Familienunternehmen mit etwa 350 Beschäftigten vorbei, spätestens seit der Corona-Krise.


Anfang Dezember haben Bund und Länder beschlossen, dass der Handel auch am Ende dieses Jahres keine Pyrotechnik verkaufen darf. Der Staat verbietet, Raketen "auf publikumsträchtigen Plätzen" abzufeuern. Und er rät auch im Privaten "dringend" davon ab. So will die Politik große Ansammlungen verhindern - und vermeiden, dass mitten in der Pandemie in einem ohnehin schon überlasteten System noch mehr Menschen ins Krankenhaus kommen, weil sie sich beim Feuerwerk verletzen.


Was Kritiker begrüßen, hat eine Firma wie Weco schon vor einem Jahr, als dieselbe Entscheidung fiel, in einen "Schlummerzustand" versetzt. So formuliert es Oliver Gerstmeier, Vertriebsleiter und Prokurist des Unternehmens. "Zeitweise waren 90 Prozent unserer Beschäftigten in Kurzarbeit." Und Weco schließt gerade ein Werk in Freiberg nahe Dresden, etwa 100 Beschäftigte sollen ihre Kündigung erhalten.


Zurück in die Lager? Das könnte schwierig werden

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Das Unternehmen sieht sich in der schwersten Krise seit seiner Gründung im Jahr 1948. Weco habe schon vor dem Bund-Länder-Treffen begonnen, die eingelagerten Feuerwerkskörper von 2020 endlich an den Handel auszuliefern, sagt Gerstmeier. "Es wird eine immense Herausforderung, die Ware jetzt wieder einzulagern."


Pyrotechnik droht zwar nicht zu verderben, solange sie trocken gelagert wird. Doch die Branche braucht spezielle Gefahrgut-Lager - und das nun zu einer Jahreszeit, in der sie in gewöhnlichen Zeiten gar keinen Lagerplatz benötigt. "Die Kapazitäten auf dem Markt sind stark begrenzt", sagt Gerstmeier. Tatsächlich sind Lagerflächen in Zeiten des boomenden Onlinehandels vielerorts teurer und begehrt geworden. Gerstmeier droht schon mit dem großen Knall: "Schlimmstenfalls wäre es eine Option für uns, Lagerware zu vernichten."


Allerdings wollen Bund und Länder der Pyrotechnik-Branche entgegenkommen. So heißt es jedenfalls in ihrem Beschluss: "Für die hiervon betroffenen Unternehmen ist wie im vergangenen Jahr eine entsprechende Kompensation im Rahmen der Wirtschaftshilfen vorzusehen."


Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart wolle sich beim Bund für weitere Kompensationen einsetzen, bekräftigte der FDP-Politiker kürzlich im Wirtschaftsausschuss des Landtags. Man wolle "der Industrie Mut machen", so Pinkwart, "sich hier am Standort weiterzuentwickeln". Freilich müssten Entschädigungen die Beihilfe-Regeln der EU befolgen.


Bislang hat die Branche gut 26 Millionen Euro Überbrückungshilfe erhalten

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In der Branche stoßen derlei Bekenntnisse auf Skepsis. "Wir wissen von einigen Mitgliedsunternehmen, dass ihre Anträge auf Überbrückungshilfe für die vergangene Saison immer noch in Bearbeitung sind", moniert Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbands der pyrotechnischen Industrie (VPI).


Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigt auf Anfrage, dass in den Bundesländern 44 Hilfsanträge von Feuerwerksherstellern eingegangen seien, "von denen sich noch einige in der Prüfung befinden". Bislang habe die Branche gut 26 Millionen Euro sogenannter Überbrückungshilfe III und III plus erhalten.


Auch Weco hat Gerstmeier zufolge noch nicht alle Teile der Überbrückungshilfe erhalten. Die Firma bezeichnete sich vor der Krise stets als finanziell gut aufgestellt, verfügt über eine Eigenkapitalquote von 40 Prozent. Doch davon ist nicht mehr so viel übrig, für das vergangene Geschäftsjahr meldete Weco einen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe. "Die Überbrückungshilfe allein wird uns kein zweites Jahr in Folge retten", unkt Gerstmeier.


Insgesamt zählt die Feuerwerksindustrie laut VPI etwa 3000 Beschäftigte in Deutschland. Für 2019, vor der Pandemie, meldete der Verband noch einen Branchenumsatz von etwa 130 Millionen Euro. Das war schon damals weniger als in den Vorjahren, da die Kritik am Böllern hartnäckig und lauter geworden ist. Im Krisenjahr 2020 ist der Umsatz dann so richtig eingebrochen, auf nur noch etwa 20 Millionen Euro.


Seit 20 Monaten in Kurzarbeit

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Davon ist auch Ernst Rohr betroffen, ein Feuerwerksbetrieb in der Wedemark bei Hannover. Guido Wolff-Rohr führt das Familienunternehmen in dritter Generation. Normalerweise brennt dort Ende Dezember die Luft: Privat- und Firmenkunden kommen aus allen Ecken Niedersachsens, um sich vom Profi beraten zu lassen. Bei einer Abendveranstaltung zünden Wolff-Rohr und sein Team, was sie ab Lager verkaufen - eine knallende Entscheidungshilfe quasi.


An den drei Tagen vor Silvester macht die Firma 30 Prozent ihres Jahresumsatzes. "Das hat schon sehr wehgetan, den Verkauf jetzt abzusagen", sagt der Pyrotechniker. Dabei hatte der Betrieb extra einen Online-Shop eingerichtet: Kunden sollten die Ware vorbestellen, bezahlen und im Lager abholen. Jetzt klappt das nach 2020 schon zum zweiten Mal nicht.


Wolff-Rohrs Hauptgeschäft sind Veranstaltungen wie Jubiläen, Firmenfeiern oder Hochzeiten - im Sommer oft mehrere an einem Abend. "Wir kümmern uns um alles, Planung, Pyrotechnik, Genehmigungsverfahren." Der Trend gehe zum musiksynchronen Feuerwerk, erzählt Wolff-Rohr: "Das ist emotionaler und oft sehr persönlich für das Paar." Beim jährlichen internationalen Feuerwerkswettbewerb in den Herrenhäuser Gärten Hannovers kümmert sich die Firma um Vorbereitung, Absperrung und Logistik. Und bei der Berliner Silvesterfeier am Brandenburger Tor zündete das sechsköpfige Team selbst.


Doch Feste sind in der Corona-Krise eingeschränkt, der Wettbewerb fiel in beiden Jahren aus. "Wir sind seit 20 Monaten in Kurzarbeit", sagt Wolff-Rohr. "Noch mal so ein Jahr wie dieses, und man fängt an zu überlegen: Meldet man das Gewerbe ab?"


Umwelthilfe will Verbot für immer

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Während Unternehmen wie Weco nun fordern, dass der Bund den Ausfall in diesem Jahr "vollständig kompensieren" sollte, gehen Pyrotechnik-Kritikern die Einschränkungen nicht weit genug. Umwelt- und Tierschutzverbände monieren seit Jahren, dass Feuerwerk die Luft belastet, Tiere schädigt und die Umwelt verschmutzt.


Die Deutsche Umwelthilfe fordert, dass der Staat das Abbrennen von Feuerwerk flächendeckend verbieten und dies streng kontrollieren sollte. Und das Verbot solle dauerhaft gelten: kein Verkauf an Privatleute, keine private Nutzung. "Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen möchte ein Silvester ohne archaische Böllerei", behauptet die Nichtregierungsorganisation. Dem widerspricht eine repräsentative Forsa-Umfrage aus dem Frühjahr, wonach sich 80 Prozent der Befragten auch weiterhin privates Feuerwerk wünschen. Das Meinungsforschungsinstitut wurde vom Feuerwerkshersteller Röder im bayerischen Schlüsselfeld beauftragt.


Sollte der Staat nun also abermals einer Branche helfen, die ohnehin im Feuer steht? Das Bundeswirtschaftsministerium verweist auf das Sprengstoffgesetz, das Immissionsschutzgesetz und entsprechende Landesregelungen. Demnach können Gemeinden ja lokale Verbote erlassen, was vielerorts auch geschieht. "Bei der Bewilligung der Überbrückungshilfe wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass der Antragsteller die gesetzlichen Vorschriften seiner gewerblichen Tätigkeit einhält", teilt das Ministerium mit.


Der VPI argumentiert indes, dass nur ein kleiner Teil aller Krankenhauseinweisungen zum Jahreswechsel auf Feuerwerk zurückzuführen sei. Dies wäre weder für Notaufnahmen ein Problem, noch würde es die Lage auf Intensivstationen verschärfen. "Die Probleme sind übermäßiger Alkoholgenuss und illegale Feuerwerksprodukte", sagt der Verbandsvorsitzende Thomas Schreiber.


Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGOU) betont hingegen, dass der Jahreswechsel in den Krankenhäusern ein Großkampftag sei. "An keinem anderen Tag im Jahr verletzen sich so viele Menschen die Hände wie an Silvester", mahnt die DGOU. Vizepräsident Michael Raschke fordert die Menschen daher auf, in diesem Jahr aufs Böllern zu verzichten. "Unsere Notaufnahmen, Rettungsdienste und Feuerwehren sind ohnehin überlastet", sagt Raschke, der die Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Uniklinik Münster leitet. "Sie brauchen jetzt wirklich keine Patienten, die mit schweren und vermeidbaren Handverletzungen ärztliche Hilfe suchen."


Gefahr durch Schwarzmarktverkäufe

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Während Deutschland Böller verbiete, könne man in einigen Nachbarstaaten Feuerwerkskörper erwerben, für die man hierzulande eine "spezielle Erlaubnis und nachweisbare Befähigung" brauche, mahnt der VPI. Schreiber glaubt, dass manche Menschen nun im Ausland oder auf dem Schwarzmarkt einkaufen könnten - oder "im schlimmsten Fall selbst Feuerwerkskörper basteln". Dann wäre das Verletzungsrisiko viel höher, mahnt der Unternehmer.


Der Hamburger Zoll hat erst am Nikolaustag gut 66 Kilogramm Pyrotechnik aus dem Verkehr gezogen, die per Post unerlaubt nach Deutschland eingeführt werden sollten, teilt die Behörde mit. "Mit illegalem Feuerwerk gefährdet man nicht nur massiv die eigene Gesundheit", warnt der Zoll, "man riskiert unter Umständen sein Leben und das Unbeteiligter." Wer gegen das Sprengstoffgesetz verstoße, dem drohen bis zu drei Jahre Haft, mahnt die Behörde. Dabei sei egal, ob man unerlaubte Pyrotechnik im Internet bestelle oder selbst aus dem Ausland importiere.


Auch der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk (BVPK) bezeichnet das Verbot als reine Symbolpolitik. Individuelle Feuerwerke im "engeren Familienkreis sind ein pandemiekonformes Gemeinschaftserlebnis", sagt Präsident Ingo Schubert. Der nach eigenen Angaben mitgliederstärkste Verein fordert, dass das Feuerwerk wegen der künstlerischen Aspekte und der Handwerkstradition als Kulturgut anerkannt wird.


Guido-Wolff-Rohr kennt die Argumente der Gegner. Ihn stört vor allem der Begriff Böllerverbot. "Böller machen nur fünf Prozent des Silvesterfeuerwerks aus", sagt der Pyrotechniker. "Und der Rest geht auch leiser: Es gibt längst geräuscharme Raketen, die ihr Bouquet auswerfen, ohne zu knallen." Außerdem würden manche seiner Kunden nur eine einzelne nostalgische Rakete für den Jahreswechsel kaufen. "Hier auf dem Land versteht kein Mensch, warum er nicht vor die Haustür gehen und im eigenen Garten ein Feuerwerk abbrennen kann."



Katharina Kutsche

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Katharina Kutsche, Jahrgang 1977, ist seit 2016 Mitarbeiterin in der Wirtschaftsredaktion der SZ. Nach dem Abitur 1996 wurde sie Polizeibeamtin in Hannover und bearbeitete dort Geldwäsche-, Korruptions- und Amtsdelikte. 2014 gab sie die Kripo-Marke aber ab, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und machte parallel den Journalismus-Master an der Münchner LMU. Sie schreibt von Hannover aus über Wirtschaftskriminalität, Unternehmen in Niedersachsen und andere Themen.


Benedikt Müller-Arnold

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Benedikt Müller-Arnold berichtet für die Wirtschaftsredaktion aus Nordrhein-Westfalen. Aufgewachsen im schönen Rheingau. Hat die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft besucht und Volkswirtschaftslehre in Köln studiert. Schreibt seit Herbst 2015 für die SZ, zunächst über Immobilienthemen. Seit Sommer 2017 berichtet er vor allem darüber, wie sich die großen Unternehmen an Rhein und Ruhr verändern. Sonstige Leidenschaften: Klavier, Kirchenorgel und der SC Freiburg.

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